Es beginnt im Berlin der Neunziger, inmitten einer Landschaft aus Nicht-Orten. Der enorme Leerstand und die ungeklärten Besitzverhältnisse nach dem Fall der Mauer 1989 im Ost-Teil der Stadt boten der Szene die räumlichen Möglichkeiten, sich frei zu entfalten und die Wiedervereinigung ungehemmt zu zelebrieren. Durch die Aneignung und Umnutzung leerstehender Räume und Flächen entstand eine zweite Stadt, die im Verständnis ihrer Konstrukteur:innen – den Künstler:innen, Freigeistern und Akteur:innen des Techno-Untergrunds jener Zeit – die eigentliche Stadt darstellte. Das Berlin nach dem Mauerfall wurde innerhalb dieser sich schnell entfaltenden Jugendkultur als Spielwiese gesehen, die viel Platz für Erkundung, Umgestaltung und Inszenierung bot. Gleichzeitig vollzog sich eine Art Gesellschaftsreform, die von den Protagonist:innen jener Szene vorangetrieben wurde; es wurde ein neues soziales Modell geschaffen, das sich der traditionellen Teilung von Ober- und Unterschicht entzog.

Heute, mehr als dreißig Jahre später, haftet dieser Zeit nach wie vor ein besonderer Glanz an. Es ist ein Kribbeln, das sich breitmacht, wenn man sich Bilder aus dieser Zeit ansieht. Eine seltsame Mischung aus Nostalgie und der Verheißung, dass alles möglich ist. Auch jetzt noch. Der Osten steht zwar nicht mehr leer; Mitte ist schon lange nicht mehr das Zentrum der Berliner Subkultur, sondern zum Sinnbild voranschreitender Gentrifizierung geworden, und doch wirkt die Umbruchsstimmung der neunziger Jahre nach. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen sommerliche Kiez-Gefühle von Politikverdrossenheit und Fremdenhass überschattet werden, lohnt sich ein Zurückerinnern an Berlins Fähigkeit, sich stets neu zu erfinden und Räume zu schaffen, die kreative Entfaltung ermöglichen. Denn genau das macht diese Stadt doch eigentlich so anziehend. Trotz der schmutzigen Straßen, dem eigenwilligen Geruch, der ruppigen Art der Menschen, die sie bewohnen. Oder gerade auch deshalb.

Dabei geht es nicht mehr um das Bekenntnis zur Ost- oder West-Berliner:in; es geht um eine Wiedervereinigung, die einem als Kind dieser Stadt innewohnt. Egal ob Jahrgang ‘66, ‘87 oder ‘00er. Es geht um Freiheit, Solidarität und Freundschaft. Stadtkultur, Subkultur, Verwurzelung, Wandel. Und alles dazwischen. Perspektiven auf Berlin zu unterschiedlichen Zeiten, aus unterschiedlichen Generationen. Es sind Bilder, die eine Stadt zeigen, die einmal war; Räume, die einmal existiert haben. Neue Räume, die sie ersetzt haben. Geschichten aus der Mitte der Stadt bis hin zu ihren Rändern. Berlin bei Nacht. Berlin am Tag.

Mit Arbeiten von Andres Sanjuan, Annette Hauschild, Ben de Biel, Holger Biermann, Lucia Jost, Heiko Marquadt, Lucia Jost, Laszlo Randelzhofer, Iris Schieferstein und Gerhardt Westrich.

Vollständige Werkliste auf Anfrage.